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Librela Update – Wenn Schmerzfreiheit neue Fragen aufwirft

Das Medikament Librela (Bedinvetmab) zwischen Hoffnung, Evidenz und Verantwortung

Die Einführung von Bedinvetmab (Librela®) hat die Behandlung der Osteoarthritis des Hundes grundlegend verändert. Innerhalb weniger Jahre wurde aus einer völlig neuen Wirkstoffklasse eines der meistdiskutierten Medikamente der Kleintiermedizin. Für viele Hunde bedeutet Librela eine beeindruckende Verbesserung von Mobilität, Lebensqualität und Teilhabe am Alltag. Gleichzeitig mehren sich Berichte über ungewöhnliche muskuloskelettale Nebenwirkungen, deren Ursache bislang nicht abschließend geklärt ist.

Wie sollten wir als Tierärztinnen und Tierärzte mit dieser Situation umgehen?

Schmerz ist nicht nur ein Symptom

Chronischer Arthroseschmerz verändert den gesamten Organismus. Hunde bewegen sich weniger, bauen Muskulatur ab, verlieren soziale Interaktion und Lebensfreude. Irgendwann beginnt sich ihr gesamter Alltag dem Schmerz anzupassen.

Aus diesem Grund ist eine wirksame Analgesie weit mehr als reine Symptomkontrolle. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Bewegungstherapie, Muskelaufbau, Gewichtsmanagement und viele weitere Maßnahmen überhaupt wieder möglich werden.

Genau hier liegt die große Stärke von Librela.

Die Wirksamkeit von Bedinvetmab hinsichtlich Schmerzreduktion und Verbesserung der Lebensqualität gilt inzwischen als gut belegt. Mehrere randomisierte, placebo-kontrollierte Studien konnten konsistent zeigen, dass behandelte Hunde hinsichtlich Mobilität, Aktivität und Besitzerbewertung signifikant profitieren. Neuere Studien zeigen zudem eine vergleichbare Wirksamkeit gegenüber Meloxicam und Grapiprant. 

Diese Daten sollten in der aktuellen Diskussion nicht vergessen werden.

Warum die Diskussion dennoch berechtigt ist

Mit der weltweiten Anwendung von mittlerweile vielen Millionen Dosen änderte sich jedoch das Bild.

Zunehmend wurden Fälle beschrieben, bei denen Hunde unter der Behandlung ungewöhnlich schnelle Gelenkveränderungen entwickelten. Gleichzeitig tauchten Berichte über Gelenkschwellungen, periartikuläre Knochenzubildungen, Weichteilverkalkungen und rasch fortschreitende Arthrosen auf.

Ob Librela diese Veränderungen tatsächlich verursacht, ist bislang nicht bewiesen.

Ebenso wenig können sie heute jedoch einfach ignoriert werden.

Genau hier beginnt der Bereich der Pharmakovigilanz.

Zwischen Signal und Beweis

In der wissenschaftlichen Diskussion werden zwei Begriffe häufig miteinander verwechselt: Sicherheitssignal und Kausalitätsnachweis.

Ein Sicherheitssignal bedeutet, dass sich Hinweise häufen, die weitere Untersuchungen erforderlich machen.

Ein Kausalitätsnachweis bedeutet hingegen, dass Ursache und Wirkung wissenschaftlich belegt wurden.

Bei Librela befinden wir uns derzeit eindeutig in der ersten Kategorie.

Es existieren Fallberichte, Fallserien, Pharmakovigilanzdaten und eine plausible biologische Grundlage. Gleichzeitig fehlen bislang kontrollierte Studien, die eindeutig belegen könnten, dass Bedinvetmab diese Veränderungen tatsächlich verursacht.

Diese Unsicherheit sollte weder dramatisiert noch bagatellisiert werden.

Der Blick in die Humanmedizin

Die aktuelle Diskussion kommt nicht aus dem Nichts.

Bereits bei Tanezumab, einem gegen den gleichen Signalweg gerichteten Anti-NGF-Antikörper für den Menschen, zeigte sich eine beeindruckende schmerzlindernde Wirkung. Gleichzeitig entwickelte jedoch ein kleiner Teil der Patienten eine sogenannte Rapidly Progressive Osteoarthritis (RPOA), eine außergewöhnlich schnell fortschreitende Gelenkzerstörung.

Besonders auffällig war dabei ein erhöhtes Risiko bei gleichzeitiger Anwendung von NSAIDs.

Tanezumab wurde letztlich nie zugelassen. 

Ob die beim Hund beobachteten Veränderungen tatsächlich mit diesem Phänomen vergleichbar sind, ist derzeit Gegenstand intensiver Forschung.

Was wir heute wissen

Wir wissen:

  • Librela lindert Schmerzen wirksam.
  • Die meisten Hunde profitieren erheblich.
  • Die überwiegende Mehrzahl entwickelt keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.
  • Es existiert inzwischen ein ernstzunehmendes Signal ungewöhnlicher Gelenkveränderungen.
  • Wir können derzeit nicht vorhersagen, welche Hunde betroffen sein könnten.
  •  

Gerade dieser letzte Punkt macht einen verantwortungsvollen Einsatz so wichtig.

Gute Medizin bedeutet Abwägen

Vielleicht liegt die größte Herausforderung der modernen Medizin darin, Ambivalenz auszuhalten.

Nicht jede neue Therapie ist ein Wundermittel.

Aber auch nicht jede berechtigte Sicherheitsdiskussion bedeutet, dass ein Medikament grundsätzlich schlecht ist.

Zwischen diesen beiden Extremen findet evidenzbasierte Medizin statt.

Sie bedeutet, den individuellen Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, Nutzen und Risiken gemeinsam mit den Tierhaltern abzuwägen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse kontinuierlich in die eigene Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Aus meiner Sicht sollte Librela heute weder unkritisch verabreicht noch aus Angst grundsätzlich vermieden werden.

Vielmehr gehört es in ein strukturiertes Behandlungskonzept.

Dazu zählen:

  • eine gründliche orthopädische Untersuchung vor Therapiebeginn,
  • gegebenenfalls bildgebende Diagnostik,
  • regelmäßige Verlaufskontrollen,
  • eine offene Aufklärung über bekannte und bislang ungeklärte Risiken,
  • sowie die konsequente Meldung möglicher Nebenwirkungen.

Insbesondere neu auftretende Gelenkschwellungen oder Schmerzen während der Behandlung sollten ernst genommen und diagnostisch abgeklärt werden.

Der eigentliche Auftrag

Vielleicht erzählt die Librela-Diskussion weniger über dieses Medikament als über die Art und Weise, wie wir Medizin verstehen.

Wissenschaft entwickelt sich selten geradlinig. Neue Therapien bringen neue Möglichkeiten – und manchmal auch neue Fragen.

Die Aufgabe verantwortungsvoller Tiermedizin besteht deshalb nicht darin, absolute Gewissheit vorzutäuschen.

Sie besteht darin, Entscheidungen auf Basis der jeweils besten verfügbaren Evidenz zu treffen, Unsicherheiten offen zu kommunizieren und gleichzeitig das Wohl des individuellen Patienten niemals aus dem Blick zu verlieren.

Denn genau darin liegt die eigentliche Stärke evidenzbasierter Medizin: nicht in einfachen Antworten, sondern im verantwortungsvollen Umgang mit komplexen Wirklichkeiten.

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